Hamburg.Übers Wüten über die Wut und einen gescheiterten politischen Diskurs.

Ganz Deutschland ist außer sich. Hamburg hat sich übers Wochenende in ein Höllenloch verwandelt. Zuerst Ungläubigkeit, dann Angst und schließlich Wut. Noch mehr Wut.
Als hätte es bisher nicht gereicht.
Jeden Tag gibt es neue erschreckende Videos und Bilder. Und die Last? Die hat Hamburg zu tragen, eine Stadt die doch eigentlich nichts dafür kann das “Opfer” dieser besonderen Ehre geworden zu sein.
Die Hamburger haben ja nicht unbedingt um den G20- Gipfel zuhause gebettelt.
Die Berichterstattung endet nicht. Das Bild des Wochenendes des Schreckens wird immer detailreicher gezeichnet.
Was dabei herauskommt?
Zusammengefasst: Merkel hat’s mal wieder nicht hingekriegt.

Klar, wer sonst wenn nicht die Kanzlerin könnte das versemmelt haben?
Hm, spontan fallen mir Menschen ein die den Unterschied zwischen Protest und roher und sinnloser Gewalt nicht verstanden haben. Menschen die nicht nur wegen des G20 Gipfels ausrasten sondern auch am 1. Mai oder zu anderen großen Terminen Angst und Schrecken verbreiten. Der schwarze Block.
Er taucht auf, verbreitet sich, wird größer und ist nicht zu fassen.

Ob die Kritik am G20 Gipfel berechtigt war oder nicht, ist an dieser Stelle für mich gar nicht die Frage.
Versammlungsrecht und Meinungsfreiheit sind wichtige Pfeiler unserer Demokratie. Jetzt stehe ich aber da und habe nicht das Gefühl, dass es bei diesem Wochenende um Politik ging.
Im Austausch mit meinen Kommilitonen wurde eigentlich nur über die Auswirkungen für Hamburg und zukünftige Großereignisse gesprochen. Schlimme Geschichten über zerstörte Existenzen oder die Angst die man um seine Lieben hatte.
Was wurde aus den Absprachen über das Pariser Abkommen, über die Kommunikation zwischen den Nationen?
Die “Großen” hätten vermutlich das ganze Wochenende nur Kaffee trinken können und niemand hätte es mitbekommen.
Gerade eben erst las ich weitere Artikel.
Einer davon  behandelte das Interview mit einem jungen Mann der sich gewünscht hätte, das Merkel nach dem Konzert zum Ort des Geschehens gekommen wäre. Irgendwo kann ich verstehen, dass man gehört und gesehen werden will.
Aber Mutti kann leider nicht überall anwesend sein. Und in meinen Augen ist es gerade jetzt wichtiger denn je, diplomatische Arbeit zu leisten, miteinander zu reden und versuchen sich gemeinsame Ziele zu setzen.
Unsere gute Kanzlerin mag ja unsere Mutti sein, aber in meinen Augen trägt sie eine viel zu große Verantwortung um sich um eine Handvoll außer Kontrolle geratene, gewaltbereite Menschen zu kümmern. Bei der Situation die beschrieben wird, wäre es doch auch nicht verwunderlich gewesen, wenn unserer Kanzlerin dort auf den Straßen etwas zugestoßen wäre. Das scheint für einige vermutlich nicht das schlimmste Szenario zu sein, aber man stelle sich mal vor in was für einem Chaos unser Land dann gewesen wäre. Und nicht nur das, es hätte eine internationale Krise ausgelöst.

Außerdem ist es ziemlich traurig, dass jene Menschen die dort ehrlich ihre Meinung vertreten wollten, so in den Hintergrund gerückt sind.
Was war denn die Stimme Hamburgs?
Man weiß es nicht so genau, alles an was man sich wohl erinnern wird beim Gedanken an den G20 Gipfel 2017 wird wohl die Gewalt sein. Die Bilder brennender Autos, die Wut, die Angst, oder das immer wieder fallende Wort “Kriegsgebiet”. Eine Stadt in Flammen.
Großartig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das die meisten der Protestierenden anders gewünscht hätten.
Untergegangen sind all jene die friedlich protestierten, die sich trafen um ein Zeichen zu setzen für Frieden, für Menschlichkeit. Yogis die sich auf den Brücken Hamburgs trafen alles unter dem Zeichen #bridgestohumanity #hamburgvsg20.
Das ist eine Aktion von der ich gerne in der Zeitung gelesen hätte. Oder mehr Bilder von den Schildern auf denen die Meinungen der Hamburger und anderer vertreten sind. Keine brennenden Autos.
Heute bin ich endlich fündig geworden und habe eine Bildergalerie von positiven und unterhaltsamen Bildern der Proteste gefunden. Bilder auf denen Menschen Plakate hochhielten und ihre Meinung kundtaten. Eine wichtige Sache für unsere Demokratie. Leider aber in den Schatten gestellt. Wer spricht jetzt vom friedlichen Samstag? Niemand. Davon kriegt man nur etwas mit, wenn man gezielt recherchiert.

Hauptsächlich sehe ich die Bilder vermummter Gestalten, die durch die Stadt springen, als hätten sie das ganze Jahr darauf gewartet alles kaputt zu machen, was ihnen ins Auge springt.
Dinge, die sich Menschen, Mitmenschen, Mitbürger hart erarbeitet haben. Eventuell Menschen die noch kurz vorher bei den friedlichen Protesten neben einem gestanden haben.
Glückwunsch, war es das Ziel sich selber gegenseitig fertig zu machen anstatt geschlossen zu stehen? Denn das hat dann auf jeden Fall geklappt.
Zudem habe ich nicht das Gefühl das “Proteste” dieser Art besonders sinnvoll sind.
So kann man sicherlich nicht in einen ernsthaften Dialog treten.
Nein, stattdessen ist jetzt die Rede von “Konsequenzen”.

Und ich? Ich versuche Verständnis zu finden. Momentan bin ich grandios am Scheitern. Mir tut diese großartige Stadt leid. Und ja, mir tut auch unsere Kanzlerin leid die anscheinend nie irgendwas richtig machen kann.
In anderen Ländern wird sie bejubelt und beklatscht, als starke weibliche Führungsrolle, und als Vorbild. Hier scheint sie sich jeden Tag aufs Neue selber unters Messer zu liefern. Ich sage nicht, dass ich mit allem einverstanden bin was da so vor sich geht. Aber ich sage, dass auch sie nur ein Mensch ist.
Ich wünsche mir, dass mehr über die friedlichen Proteste und die Ergebnisse des Gipfels berichtet werden. Denn das ist es, worum es eigentlich geht. Diese Menschen haben sich Aufmerksamkeit erzwingen wollen. Es scheint bisher geklappt zu haben. Aber wenn wir ihnen in Zukunft nicht mehr das Gefühl geben, dass sie durch solches Verhalten tatsächlich genau das erreichen, könnten sie vielleicht verstehen, dass dieser Weg nicht wirklich irgendwo hinführen kann.
Heute erinnert man sich an Gandhi, Nelson Mandela, Dr. Martin Luther King, Eleanor Roosevelt und Sophie Scholl. Das sind unsere Helden. Menschen denen unsere Gesellschaft so viel verdankt.
Und soweit ich weiß, war ihr Weg nicht Gewalt und Terror.

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4 thoughts on “Hamburg.Übers Wüten über die Wut und einen gescheiterten politischen Diskurs.

  1. Wenige reden über den friedlichen Protest oder über die Konsequenzen des G20 Gipfels (Klima Rückschritt, “Marshall Plan” für ausgewählte Afrikastaaten). Ein paar mehr und doch zu wenige Politiker äußern sich zur veralteten Polizeistrategie Hamburgs, die zu Beginn in ihrem Vorhaben zu deeskalieren, versagt hat. Jegliche Kritik daran wird als Sympathie mit den gewalttätigen Idioten gedeutet, nicht aber als Enttäuschung derer, die an unsere Polizei höhere Ansprüche haben.
    Was bleibt, ist die Diskussion über die extreme Gewaltbereitschaft der radikalen Autonomen, die am Beispiel Hamburg mehr mit Party, Rache & Sensationsgeilheit als mit Politik zu tun hatte.

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  2. Hallo Tami,

    toller Artikel. Ich stimme dir in allen Punkten zu.
    Am traurigsten finde ich, dass es ja durchaus Grund zu demonstrieren gibt und seine Meinung kundzutun.
    Doch diejenigen, die Mühe auf sich genommen haben um das zu tun, die enthusiastisch glaubten, gehört zu werden, gerade die haben diese Chaoten niedergetrampelt. Vom Gipfel gibt es wenigstens noch ein paar Informationen. Die guten Gründe aber, für oder gegen die demonstriert werden sollte, die sind im Chaos unwiederbringlich mit verbrannt worden.
    Danke sehr für deinen Artikel.

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  3. Ich stimme dir in allen Punkten zu.
    Am traurigsten finde ich, dass es ja durchaus Grund zu demonstrieren gibt und seine Meinung kundzutun.
    Doch diejenigen, die Mühe auf sich genommen haben um das zu tun, die enthusiastisch glaubten, gehört zu werden, gerade die wurden von diesen Chaoten gnadenlos an ihrem willkommenen Protest gehindert. Vom Gipfel gibt es wenigstens noch ein paar Informationen. Die guten Gründe aber, für oder gegen die demonstriert werden sollte, die sind im Chaos unwiederbringlich mit verbrannt worden.
    Danke sehr für deinen Artikel.

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